Analoges vs. Digitales Graphic Recording – was ist besser für Ihr Event?
Foto: Sophia Molek
Graphic Recording ist mehr als nur Protokollführen mit lustigen Bildern (auch wenn ich das ehrlich gesagt manchmal so erkläre), sondern eine Form der Visual Facilitation, die in den 50er Jahren in den USA entstand. Während die Anfänge des Graphic Recordings auf großen Papierbögen an der Wand bzw. Flipchart stattfanden, arbeiten heutzutage immer mehr Anbieter auch mit digitalen Mitteln. Manchmal sind meine Kunden bei der Vorbesprechung überrascht, dass ich kein traditionelles Recording anbiete, oder haben sich über die Form noch keine Gedanken gemacht. Daher möchte ich mich hier der Frage widmen: Analog oder digital – welche Methode ist besser?
In diesem Artikel finden Sie nicht nur einen Vergleich der Methoden, sondern auch meine persönlichen Gründe, warum ich (hauptsächlich) zu digitalem Recording gewechselt bin, und alle Aspekte, die Ihnen helfen, die richtige Wahl für Ihr Event zu treffen.
Was ist analoges Graphic Recording?
Analoges Graphic Recording bedeutet Zeichnen per Hand auf großen Papieren, oft auf Meter langen Papierrollen oder Whiteboards. Die Zeichnerin oder der Zeichner arbeitet dabei sichtbar im Raum, und zwar meistens im Stehen.
Vorteile des analogen Graphic Recordings
Starke visuelle Präsenz und emotionale Wirkung
Das Publikum erlebt den Entstehungsprozess live. Gerade weil nichts rückgängig gemacht werden kann, entsteht eine besondere Spannung. Fehler können nicht korrigiert werden, was das Gesamtergebnis umso beeindruckender macht.
Durch die mit Markern handgezeichneten Linien wirkt das Ganze wirkt greifbarer und erzeugt oft stärkere emotionale Reaktionen als digitale Inhalte.
Künstlerische Assoziationen und Kreativität
Das analoge Format erinnert viele Menschen an Kunst oder Illustration. Es verbindet sie mit ihrer eigenen Fähigkeit, kreativ zu werden und groß zu denken.
Nachteile des analogen Graphic Recordings
Digitalisierung ist aufwändig
Das fertige Gesamtbild muss entweder fotografiert oder gescannt werden. Dabei kann es zu Qualitätsverlusten oder Verzerrungen kommen, z. B. weil das Papier nicht glatt war. Daher muss man das Bild auf jeden Fall im Anschluss noch digital bearbeiten, bevor man es veröffentlichen oder gar zum Druck freigeben kann. Noch dazu ist die Auflösung hier oft ein Problem, die meistens nicht so gestochen scharf wird, wie man sich das vorstellt.
Logistische Herausforderung und Probleme mit dem Material
Die Materialien (Papierrolle, Marker, Whiteboards…) muss transportiert und vor Ort installiert werden. Außerdem braucht es vor Ort ausreichend Platz, da die Papierfläche bei meinen analogen Recordings oft mehr als zwei Quadratmeter groß war.
Marker können auf den Untergrund (z. B. Wand am Veranstaltungsort) durchdrücken oder auslaufen. Fehler lassen sich kaum korrigieren, und wenn man doch korrigiert, beispielsweise mit Tip-Ex oder Aufklebern, verbraucht das wertvolle Zeit, in der man hätte zeichnen sollen.
Eingeschränkte Sicht
Die zeichnende Person steht logischerweise meistens vor dem Bild und verdeckt einen Teil davon.
Was ist digitales Graphic Recording?
Beim digitalen Graphic Recording wird auf einem Tablet (z. B. iPad) gezeichnet. Die Inhalte entstehen also digital und können daher direkt weiterverwendet werden. Manchmal kommt bei diesem Thema der Verdacht auf, man könnte die Bilder auf diese Art einfach “vom Computer machen lassen”. Daher nochmal ganz ausdrücklich: Obwohl es sich hier um eine digitale Methode handelt, werden die Illustrationen natürlich trotzdem mit der Hand gezeichnet!
Vorteile des digitalen Graphic Recordings
Maximale Beweglichkeit
Die Zeichnerin kann sich frei im Raum bewegen oder sogar zwischen mehreren Sessions wechseln. Das finde ich persönlich ideal für Konferenzen oder Workshops, die parallel stattfinden. Das iPad ist klein, so dass ich schnell und unauffällig von Raum zu Raum switchen kann.
Sofortige Verfügbarkeit
Das Ergebnis liegt am Ende des Events als Datei vor und kann (falls gewünscht) direkt mit allen Beteiligten per E-Mail oder Beamer geteilt werden.
Einfache Weiterverarbeitung
Einzelne Elemente aus der Gesamtgrafik lassen sich für Präsentationen, Social Media oder Broschüren weiter”verwursten” und können jederzeit unkompliziert angepasst werden (z. B. Farben ändern, Namen korrigieren, Format anpassen…) Vor allem die Möglichkeit, etwas zu verschieben, finde ich unglaublich wertvoll, da es mir nicht nur hilft, das Plakat zu strukturieren, sondern auch ermöglicht, verschiedene kleine Grafiken aus der großen herauszuschneiden.
Remote und Hybrid
Das Entstehen der Grafik kann bei Online- bzw. Hybrid-Veranstaltungen live über Beamer oder Zoom gezeigt werden. Tatsächlich nahm meine Graphic-Recording-Karriere während der Corona-Pandemie erst so richtig Fahrt auf.
Nachteile des digitalen Graphic Recordings
Abhängigkeit von der Technik
Ohne Strom wird es schwierig mit dem digitalen Recording. WLAN sollte es idealerweise auch geben (wobei man im Notfall auch den Hotspot eines Handys benutzen kann, aber ideal ist das nicht). Auch die Verbindung zum Beamer kann problematisch sein – Stichwort Apple-Windows-Schranke.
Geringere Sichtbarkeit vor Ort
Wenn die Zeichnerin am Rand sitzt, fällt der Prozess weniger auf. Daher bitte ich die Veranstalter gerne, mich am Anfang des Events kurz vorzustellen, und präsentiere am Ende das Ergebnis vor versammelter Mannschaft.
Es gibt kein physisches Plakat
Soll das Ergebnis im Anschluss aufgehängt werden, muss es erst gedruckt werden, idealerweise in großem Format.
Welches Format sollte man denn jetzt wählen?
Analoges Graphic Recording ist besser, wenn…
Sie ein Event mit starker Präsenzwirkung planen
das Publikum den Entstehungsprozess erleben soll
eine künstlerische, emotionale Atmosphäre gewünscht ist
das Ergebnis später als Plakat im Raum hängen soll
Sie eine freundliche und nahhbare Anmutung möchten
der Veranstaltungsraum damit gestaltet werden soll.
Digitales Graphic Recording ist besser, wenn…
Sie Inhalte schnell weiterverarbeiten oder teilen möchten
mehrere Sessions (z. B. Workshops, Panels) parallel stattfinden
das Event hybrid oder online ist
maximale Flexibilität und Skalierbarkeit benötigt wird
Sie ein professionelles, modernes Image erzielen wollen
eine effiziente Dokumentation der Ideen im Vordergrund steht.
Fazit: Es gibt keine (pauschal) bessere Methode
Viele machen den Fehler, sich nur auf die Technik zu konzentrieren, und nach Bauchgefühl zu entscheiden. Wichtiger ist aber das Ziel des Events und wie die Live-Visualisierung dazu beitragen kann.
Man muss sich allerdings nicht auf ein Extrem festlegen, denn im Endeffekt nutzen natürlich viel Zeichnerinnen und Zeichner auch einen hybriden Ansatz. Das heißt, entweder analog zeichnen und dann hochwertig digitalisieren, oder digital zeichnen und das Ergebnis großformat drucken. So mache ich das.
Als ich 2019 mit Live-Visualisierung begonnen habe, habe ich mir bei Neuland eine riesige Papierrolle und ein Sortiment an Markern bestellt und bin damit auf meine ersten Events gefahren. Das war aufregend (und bestimmt auch ein lustiger Anblick, weil die Rolle viel größer war als ich). Und es hat auch viel Spaß gemacht, auf diese Art die Grundlagen der Technik zu lernen. Doch ab dem Moment, wo ich mein erstes iPad in den Händen hielt, war eigentlich klar: Ab jetzt nur noch digital. Und das, obwohl ich im Alltag sehr viel analog zeichne! Aber für meine Kundenjobs möchte ich immer höchste Qualität und Flexibilität mitbringen und das geht – meiner Meinung nach – am besten mit digialem Graphic Recording.

